Fahrradkauf mit Hindernissen

Wie Ihr bereits in anderen Beiträgen lesen konntet, bin ich glückliche Besitzerin eines Pedelecs, das ich vorzugsweise für den Weg zur Arbeit benutze. Und doch schaute ich bisher neidvoll auf das Reiserad meines Mannes, das man für Radreisen viel besser bepacken kann, als mein Pedelec.

Gute Reiseräder sind nicht günstig und die Auswahl an Damen-Modellen mit Trapezrahmen ist überschaubar. Zeitschriften geblättert, Tests gelesen und ratlos geblieben. Das Rad, das ich vor meinem geistigen Auge sah, gab es irgendwie nicht zu kaufen. Außerdem war ich nicht bereit, mal eben 2000 Euro oder mehr für ein weiteres Rad auszugeben.

Ich überlegte bereits, wie das schwere Pedelec reisetauglicher wird, indem man Lowrider an der Federgabel befestigt. Entsprechende Adapter hatte ich bereits besorgt. Nebenher schaute ich bei ebay sowie in den zugehörigen Kleinanzeigen. Herrenräder in großer Zahl, Fehlanzeige für die Damenwelt zumindest mit für mich passender Rahmengröße.

Aber dann, eines Tages Ende August, da sprang es mir fast ins Auge! Ein Reiserad wie für mich gemacht wurde angeboten, allerdings am Niederrhein und damit rund 300km weit weg. Ich war auf der Stelle schockverliebt und selbst mein Mann zeigte sich begeistert nach Betrachtung von Fotos und Beschreibung. Erschwerend kam allerdings hinzu, das wir in den Urlaub fahren wollten und eigentlich erst danach Zeit für Besichtigung und Übergabe haben würden.

In solch einer Situation ist es schön, wenn seriöse Verkäufer auf wirklich interessierte Käufer treffen. Die Anzeige wurde deaktiviert und das Rad wartete beim Verkäufer darauf, das wir einen gemeinsamen Termin finden würden. Ich hatte eine Anzahlung angeboten, diese wurde dankend abgelehnt.

Am Einheits-Feiertag, dem 3.10., war es dann endlich soweit! Wir wollten uns mit den Verkäufern auf halber Strecke treffen und zwar in Münster auf einem Parkplatz an einem Möbelhaus. An sich ein guter Plan, dort hätte ich in Ruhe Proberunden drehen können. Hätte, hätte, Fahradkette! In Münster fand genau an dem Tag der Sparkassen-Münsterland-Giro, ein Radrennen, statt. Die B54 und damit auch die Zufahrt zum Treffpunkt, war halbseitig gesperrt. Ein Anruf vom Verkäufer, der etwas eher vor Ort eingetroffen war, informierte uns darüber. Sie ständen nun alternativ circa 200 Meter hinter der gesperrten Zufahrtstraße an einer Einfahrt.

Es kam, wie es kommen musste, ich sah es zu spät, wir waren längst an der Einfahrt vorbei. Wenden wegen Sperrung nicht möglich, ein erneutes Vorbeifahren hätte einen Riesenumweg bedeutet. Ich zoomte am Navi-Display weiter hinein, nötigte meinen Mann an der nächsten Kreuzung rechts abzubiegen und lotste uns bis zu einer Stelle, wo der Stichweg, an dem die Verkäufer standen, FAST auf einen Stichweg traf, an dem wir nun positioniert waren. Klar, dazwischen befand sich ein Privatgrundstück ohne Überwegungsmöglichkeit, sichtbar mittig in der großen roten Markierung. Oben rechts die Wartestelle der Verkäufer, unten links die Parkposition unseres Autos.

Ich ließ meinen Mann im Auto zurück und machte mich zu Fuß auf den Weg. Als es am Wegesende nicht mehr weiter ging, stieg ich durch mehrere Gräben (ausgetrocknet), stapfte durchs Unterholz eines kleinen Waldstücks, bis ich wieder einen Weg unter den Füßen hatte und die wartenden Verkäufer nebst Rad von hinten sah.

Es sah genauso aus, wie es beschrieben war und hatte alles dran, was ich mir für mein Reiserad gewünscht hatte, auch die Lowrider. Ich bin keine 100 Meter Probe gefahren, da war die endgültige Entscheidung bereits gefallen. Mit dem Rad durch die Büsche zurück war schlicht unmöglich, außerdem wollten die Verkäufer gerne noch meinem Mann guten Tag sagen und eigentlich hätte das Rad noch optimal für mich eingestellt werden sollen. Plan B: ich fahre mit dem Rad erst neben der B54 her dann rechts in einem Radweg hinein, der eine Abkürzung zu der Stelle bot, an der mein Mann wartet. Die Verkäufer fahren die Strecke, die wir zuvor genommen hatten. Hat geklappt.

Wir haben uns dann noch wirklich nett über die Radfahrleidenschaft unterhalten, was man schon gemacht hat und was noch in Planung ist und eigentlich hätten wir stundenlang reden können. Ich war aber, wie es meine Art ist, furchtbar ungeduldig und wollte eine kleine Radtour rund um Münster starten, um mich an das Rad zu gewöhnen. Das Rad meines Mannes hatten wir auf dem Trailer dabei. Der Verkäufer war ein wenig enttäuscht, das ich ihm keine Zeit ließ, das Rad für mich anzupassen und seine Frau, für die das Rad individuell aufgebaut worden war, war traurig, weil ich mit ihrem Rad entschwand.

 

Auf einem neuen, noch nicht eingefahrenen Brooks-Ledersattel fährt es sich zunächst ungewohnt. Unterwegs haben wir meine Sattelstütze minimal erhöht, der Rest konnte erstmal so bleiben. Eine angenehme Runde von 25 Kilometern brachte uns an viele nette Stellen nahe Münster und sogar direkt vor die Tore “meiner” LBS am Aasee. Winke winke an meine Kollegen in Münster und auch in Bremen.

Wieder daheim hatten wir noch einen netten Mailwechsel mit den ebenfalls heimgekehrten Verkäufern und ich schlief abends glücklich ein. Mein im Schuppen stehendes fast ungenutztes Trekkingrad habe ich anschließend gut verkaufen können, so wurde der Neukauf fast zur Nullnummer. Das Trekkingrad war ein Notkauf mit zu großem Rahmen gewesen, nachdem man mir den Vorgänger gestohlen hatte. Ich war nur wenige Male damit gefahren, um dann aufs Pedelec umzusteigen.

Nun darf sich das Pedelec nach weit über 7000km einer Generalüberholung unterziehen, während mein neuer Liebling fast täglich zum Einsatz kommt.

Für Radreisen, wenn sie nicht gerade ins Gebirge gehen, werde ich zukünftig lieber wieder mit Muskelkraft und ohne elektrischen Rückenwind unterwegs sein.

Die Erlebnisse auf unseren Radtouren und im letzten Urlaub lassen mich folgern, das ein Pedelec KEIN ideales Reiserad ist.

Das Elend geht schon zuhause los: Selbst wenn der Akku abgebaut ist, wiegt solch ein Trümmerteil circa 27 Kilo, das hebt man nicht mal eben so auf den Trailer.

Diese Problematik setzt sich unterwegs fort. Eine Treppe muss überwunden werden, kein anderer Weg führt weiter. Ich stemme mich vorne gegen den Lenker, mein Mann schiebt von hinten. Auf der anderen Seite wieder abwärts ist ebenfalls nicht ganz ungefährlich.

Oder in der Bahn. Auf den Radplätzen stehen Gepäckstücke und Kinderwagen. Sagt der Zugbegleiter: hängen sie das Rad doch oben an der Decke in die Fahrradhalter. Mal davon abgesehen, das die Halter durch die versperrenden Gepäckstücke gar nicht erreichbar waren, ist das ein Ding der Unmöglichkeit. Das hebst Du nicht, schon gar nicht als Frau. Ich bot ihm an, das für mich zu übernehmen, er verzog sich.

Auf unseren Wochenendtouren führe ich stets einen Reserveakku und das schwere Ladegerät mit. Schon mal einige Kilo schwerer Ballast, den ein Normalradler nicht dabei hat. Und Platz nimmt es auch noch weg in den Taschen.

Übernachtung auf dem Zeltplatz erfolgt in der Regel ohne Stromanschluß. Wo lädt der Pedelecfahrer seine Akkus? Mit Glück beim freundlichen Campernachbarn mit Stromanschluß, alternativ im Waschraum wartend. Du kannst unterwegs über den Nabendynamo Powerbanks und Handys laden, für die Pedelecakkus gibt es keine mobilen Lösungen. Liebe Erfinder, das ist ne echte Marktlücke!

Du kommst am Berg oder vor einer Steigung zum Stehen. Keine Chance, wieder anzufahren! Mit nur 9 Gängen ist das Pedelec viel zu grob übersetzt und selbst der kleinste Gang ist viel zu schwergängig, um wieder in Schwung zu kommen. Der Motor setzt aber erst ein, nachdem Du schon kräftig in die Pedale trittst!

Da wir vom Bahnfahren mit Rad gerade mal wieder bedient sind, kommt als radfreundliche Alternative Flixbus in Frage. Die nehmen aber keine motorisierten Räder mit.

Deshalb mein Fazit, das mein Pedelec auf dem ebenen Weg zur Arbeit mein treuer Begleiter bleibt und darüberhinaus höchstens in bergigen Regionen zum Einsatz kommt.

Es geht auch ohne Rückenwind aus der Steckdose, dann eben etwas langsamer! Habt Ihr auch schon diesbezügliche Erfahrungen gemacht?

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7 Gedanken zu “Fahrradkauf mit Hindernissen

  1. gratuliere zum neuen fahrrad!!
    was für´ne story! diese rad ist wirklich hart erkämpft worden von dir 😀
    das die pedelecs nicht der weisheit letzter schluss sind kann man gut beobachten wenn man am elberadweg wohnt…. auf der graden überholen die einen zwar auch bei gegenwind – aber schon die rampe zur fähre wird zum problem. oder wenden auf engem raum – da fällt man gern samt viel zu schwerem rad um – und braucht das THW um den drahtesel wieder aufzurichten.
    aber – wozu ein damenrad – du fährst doch eh immer in hosen? fragt die, die jahrelang auf´m herren-mountain-bike berlin unsicher gemacht hat – oft im rock übrigens – allerdings war der damals immer sehr kurz ;-D
    viel spass beim radln!
    xxxxxx

  2. Ein prima Teil ist das- viel Spass damit und unfallfreie Fahrt wünsche ich!
    Mal eben so 25 km damit abzuspulen, das wäre für mich ein Ding der Unmöglichkeit. Mein armes Chassis hat ganz und gar etwas gegen Radfahren, mir tut schon nach ein paar Minuten ALLEs weh. Auch dann, wenn das Velo perfekt auf meine Grösse eingestellt wurde. Ich hab den Versuch immer mal wieder gestartet, aber mein letztes Mountainbike stand dann doch über 10 Jahre praktisch ungenutzt im Keller. Jetzt hab ich es vor einer Weile weggegeben.
    Freut sich wer anderes drüber!
    So richtig weit bin ich einzig als ca. 15jährige mal gefahren. Mit meinem 3-Gang-Damenrad von der Zentralschweiz ins Fürstentum Lichtenstein. Ich kann mich noch so gut erinnern, es war schon am Einnachten, als wir nach vielen Kilometern endlich in die Nähe der Jugendherberge kamen, und genau dann setzte starker Gegenwind ein. Mit Ach und Krach haben wir es dann doch noch geschafft…..
    Ganz ehrlich? Sowas würde mir heute im Traum nicht mehr einfallen, *gggg*! Schieb mir ein Pferd untern Hintern, und ich tappere damit tagelang durch die Gegend. Niemalsnie aber mehr mit einem Velo! ;oD
    Frohen Sonntag und herzlichste Grüsse!

    1. Tja, das Treffen in Münster war in der Tat wegen des nicht berücksichtigten Radrennens voller Überraschungen. Man steht an der Bundesstraße, wartet auf ein passendes Auto und plötzlich steht die Käuferin von hinten aus der Natur kommend dort. Und ist dann auch noch dermaßen schnell entschlossen zum Kauf des Rades. Ja, ich war überrumpelt! So schnell habe ich noch nie ein Rad verkauft. Aber wie auf den Fotos erkennbar, scheinen die Haupteinstellungen ja zu passen!
      Das freut uns natürlich doppelt. Auch durch das Kennenlernen dieser interessanten und super gemachten Webseite ist meine Frau, für die das Rad ursprünglich gedacht war, einigermaßen über den Verkauf hinweg gekommen (scheint jedenfalls so;-).
      „Abenteuerküche für unterwegs“ wurde sofort bestellt, super!!
      Und wir sind uns nun sicher, dass es in gute Hände gekommen ist, für mich als „Erbauer“ das Wichtigste!
      Weiterhin viel Spaß und schöne Touren damit.
      Eventuell führt eine Tour ja mal an den Niederrhein, eine Unterkunft für das Rad und natürlich auch für die Fahrerin samt Begleitung ist gegeben!
      Aufgrund der naheliegenden Eifel waren wir gestern noch einmal dort. Und siehe da, gestern und heute gab es frische Steinpilze zum Essen. Das war es dann aber auch, mehr gibt der Klimawandel nicht her, alles viel zu trocken.

      @FrauHummel: Wenn nach ein paar Metern schon alles weh tut, scheint beim Bike nichts zu stimmen. Und immer daran denken, Pferde werden mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht transportiert. Ergo, für den täglichen Gebrauch ungeeignet 😉

      Liebe Grüße vom Niederrhein, Holger u. Silke

  3. Da hast du ja einen ganzen Berg an Hindernissen überwinden müssen, um zu deinem neuen Rad zu kommen. Ich wünsche dir viel Freude damit, auch wenn ich selber keinerlei Ambitionen habe, mich auf so ein Ding zu setzen. Ich schaffe es nämlich, damit einfach mal so umzufallen.
    Liebe Grüße
    Heike

  4. Das ist ja auf jeden Fall schon mal ein spannender Kauf gewesen! Das Rad sieht toll und sehr stabil aus. Ich wünsche Dir allzeit gute Fahrt und viele tolle Ausflüge damit!
    Viele Grüße von
    Margit

  5. Liebe Karen,
    herzlichen Glückwunsch zu Deinem neuen “Liebling”. Ja, auf den diversen Kleinverkäufer-Seiten lassen sich neben all dem Kruscht tatsächlich noch echte Schätze finden. Ich wünsch Dir viel Spaß damit!
    Viele Grüße,
    Krümel

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